Ausgerechnet: Stimmungspunkte
- gialloblu

- 11. Okt. 2025
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Jan.
In den Blogbeiträgen "Schattenparker national" vergebe ich pro Verein maximal 10 "Fanpunkte" als Bewertung des Stadionbesuchs aus der Perspektive des Zuschauers. Die 10 Fanpunkte unterteilen sich wie folgt: 4 Punkte gibt's für das Stadion, 4 Punkte für die Stimmung in diesem Stadion, 2 Punkte für die Anzahl der Tore in den letzten drei Saisons. Als (neutraler) Zuschauer würde man also 10 von 10 Punkten geben, wenn in einem tollen Stadion stimmungstechnisch die Hütte wackelt und auf beiden Seiten ordentlich Tore fallen.
In diesem Beitrag beschreibe ich, welche möglichst objektiven Maßstäbe ich für Vereine von der 1. Bundesliga bis runter in die Regionalligen anwende, um 0 bis 4 Punkte für die Stimmung bei Heimspielen zu vergeben.
Grob vereinfacht vergebe ich A) 2 von 4 Punkten für die geschätzte Anzahl der positiv Bekloppten bei Heimspielen eines Vereins, die übrigen 2 Punkte B) für den Anteil dieser positiv Bekloppten an der Gesamtkapazität des heimischen Stadions. Zum Abschluss C) gibt's noch einen Multiplikator für Sonstige Faktoren, der in der Regel zwischen 0,9 und 1,1 liegt, der weitere Dinge berücksichtigt, die ich für stimmungsrelevant halte.
A) 2 von 4 Stimmungspunkten: die Anzahl der positiv Bekloppten bei Heimspielen
Zunächst suche ich ein möglichst objektives Kriterium, um die Anzahl der Hardcore-Fans eines Vereins zu ermitteln. Kaum geeignet ist die durchschnittliche Zuschauerzahl bei Heimspielen: So hatten in der Saison 24/25 TSG Hoffenheim und Hansa Rostock einen Zuschauerschnitt von ungefähr 25.000 - trotzdem werden nicht viele behaupten, dass die Zuschauer von Hoffenheim und Hansa das Stadion im gleichen Maße in einen Hexenkessel verwandeln. Die Anzahl der verkauften Dauerkarten sagt ebenfalls wenig aus, da sie bei vielen Vereinen gedeckelt ist. Gleiches gilt für die Anzahl der Vereinsmitglieder, da die Mitgliedsbeiträge in der Höhe zu unterschiedlich sind und bei einigen Vereinen die Mitgliedschaft Voraussetzung ist, um überhaupt eventuell mal an ein Ticket zu kommen.
Als Grundlage zur Ermittlung der Anzahl der Hardcore-Fans nehme ich stattdessen den Durchschnitt der Auswärtsfahrer (Quelle: Die falsche 9, fussballmafia) der letzten drei Saisons (aktuell also 22/23, 23/24, 24/25). Bei den ganz Großen, die auswärts stets ihr komplettes Kartenkontingent abrufen, orientiere ich mich auch an der Anzahl der mitgereisten Fans bei früheren Auswärtsspielen in Charlottenburg, Hannover oder Sinsheim, wo häufig über den Gästeblock hinaus Karten von Gästefans gekauft werden.
In meiner Wertung möchte ich Stimmung in Stadien unabhängig von der aktuellen Ligazugehörigkeit bewerten, um Vereine ligaübergreifend vergleichbar zu machen. Im Prinzip tue ich so, als würden alle Vereine in der 2. Bundesliga spielen: Die Auswärtsfahrerzahlen der Erstligisten werden um den Faktor 1,3 reduziert - das entspricht grob der Veränderung der Auswärtsmobs von Darmstadt 98 und Holstein Kiel zwischen Ligen 1 und 2; Auswärtsfahrerzahlen der Zweitligisten bleiben unverändert; die Zahlen der Gästefans der Drittligisten werden um den Faktor 1,3 erhöht - in diesem Maße änderte sich im Schnitt die Größe des reisenden Anhangs von Jahn Regensburg, SV Sandhausen oder VfL Osnabrück beim Pendeln zwischen Ligen 2 und 3.
Bei einem Verein, der durchschnittlich 1000 Auswärtsfahrer in Liga 3 hat, rechne ich also mit (1000x1,3=) 1300 Auswärtsfahrern, die er vermutlich in Liga 2 hätte. Bei einem Erstligisten, den durchschnittlich 1560 Auswärtsreisende begleiten, rechne ich mit (1560 ./. 1,3=) 1200 Auswärtsfahrern, die in Liga 2 zu erwarten wären. Fun Fact: Vereine, die zwischen 3. Liga und Regionalliga pendeln, werden auswärts typischerweise in der Regionalliga von mehr Fans begleitet.
Als nächstes ermittele ich dann die vermutete Anzahl der positiv Bekloppten bei Heimspielen eines Vereins, die im Stadion für gute Laune sorgen. Damit meine ich nicht nur die durchsingenden Ultras, sondern auch die Oma mit den 10 selbstgestrickten Schals; den Irren, der 20 Mal pro Spiel aus der Sitzschale springt, um den Linienrichter zu beleidigen; der Typ mit der Narbe, dem vor 30 Jahren mal eine Bierflasche an den Kopf flog, als Duisburg zu Besuch war, und trotzdem heute noch zu jedem Spiel da ist. Um die Anzahl dieser positiv Bekloppten zu errechnen, multipliziere ich die Zahl der durchschnittlichen Auswärtsfahrer, bezogen auf Liga 2, mit dem Faktor 5.
Beispiel: Hoffenheim brachte in den letzten drei Saisons im Schnitt (Liga 1) etwa 910 Auswärtsfans pro Spiel mit. Geteilt durch 1,3 entspräche dies 700 Auswärtsfans in Liga 2. Um auf die Anzahl der positiv Bekloppten bei Heimspielen zu kommen, multipliziere ich diese Zahl, siehe oben, mit dem Faktor 5. Hoffenheim käme bei Heimspielen also auf (700x5=) 3.500 positiv TSG-Bekloppte bei durchschnittlich 25.000 Anwesenden in der Arena; die restlichen 21.500 sind - neben durchaus lauten Gästefans - halt Zufallsbesucher, Ehrenkartenabräumer, Handyglotzer und sonstige Kunden ohne Beitrag zur Stimmung in der Hütte. Zur Ermittlung der Punktezahl (maximal 2,0) teile ich die 3.500 durch meinen Richtwert für 1,0 Punkte, nämlich durch 10.000, so dass Hoffenheim auf etwas magere 0,35 von 2 Punkten für die Anzahl der positiv Bekloppten bei Heimspielen kommt.
Hansa hatte in den beiden Zweitligasaisons 2.900 bzw. 3.900 Auswärtsfans pro Spiel. 24/25, in Liga 3, waren es 2.400 Mitreisende, was - Faktor 1,3 - etwa 3.100 Fans in Liga 2 entsprechen würde. So käme Hansa über drei Saisons auf einen Auswärts-Schnitt von 3.300 in Liga 2, was einer Anzahl von theoretisch (3.300x5=) 16.500 positiv Hansa-Bekloppten bei insgesamt 25.000 Leuten im Ostseestadion entspricht. Auch diese Zahl teile ich durch meinen Richtwert von 10.000 für 1,0 Punkte, so dass Hansa auf stattliche 1,65 von 2 Punkten für die Anzahl der positiv Bekloppten bei Heimspielen kommt.
B) weitere 2 von 4 Stimmungspunkten: Anteil der positiv Bekloppten an der Gesamtkapazität.
Die Zahl der oben errechneten positiv Bekloppten setze ich nun ins Verhältnis zur Kapazität der heimischen Arena.
Beispiel: In Hoffenheim würden sich auf (3.400 ./. 30.100 - Kapazitäten von transfermarkt.de) knapp 12% der verfügbaren Plätze Leute befinden, die die Heimmannschaft spürbar unterstützen. Bei Hansa betrüge dieser Wert (16.500 ./. 29.000) knapp 57%.
Um diese Werte auf maximal zwei Stimmungspunkte umzurechnen sind als nächstes zwei Rechnungen erforderlich: Zunächst ziehe ich die Quadratwurzel der ermittelten Werte (√0,1129... bzw. √0,5689...), dann - um die Unterschiede abzufedern und auf einen Höchstwert von 2 zu kommen - ziehe ich erneut die Quadratwurzel und verdopple den Wert.
Beispiel: Für Stimmung auf etwa 12% der Plätze kriegt Hoffenheim (√√0,1129...x2=) gerundete 1,17 von 2 Punkten. Für Stimmung auf etwa 57% der Plätze kriegt Hansa (√√0,5689...x2=) gerundete 1,74 von 2 Punkten.
Obwohl beide Vereine in der vergangenen Saison also fast identische Zuschauerzahlen hatten, zeigt sich nun ein Unterschied: Aktuell stünde nach den obigen Rechnungen Hoffenheim bei (A 0,35+B 1,17=) 1,52 von 4 möglichen Stimmungspunkten; Hansa bei (A 1,65+B 1,74=) 3,39 von 4 möglichen Stimmungspunkten.
C) Sonstige Faktoren
Folgende Faktoren können die Anzahl der Stimmungspunkte ein wenig runterziehen:
Kein Dach? Und obendrein eine Laufbahn? Befindet sich der Stimmungsblock hinter einer Laufbahn (z.B. Eintracht Braunschweig, Hertha BSC, 1.FC Nürnberg) reduziert sich die Stimmung in meiner Berechnung um den Faktor 0,9. Der gleiche Faktor gilt, wenn der Fanblock nicht überdacht ist. Etwas abgeschwächt gilt dieser Faktor in Liga 3 und der Regionalliga, wo viele Fanblocks unüberdacht sind, so dass die Schallwellen der Begeisterung sich statt auf den Platz auch in die Wohnviertel von Giesing, Ulm oder Osnabrück verziehen.
Zu viel Erfolg in den vergangenen 15 Saisons. Ein 0:0 nach 30 Minuten gegen den FC Augsburg kann Fans enttäuscht verstummen lassen, wenn sie noch halbwegs frische Erinnerungen an europäische oder nationale Titel haben. Angefangen bei Faktor 0,95 für zwei Titel (Eintracht Frankfurt, VfL Wolfsburg, RB Leipzig) seit 2010, bis hin zum Faktor 0,8 für 12 Meisterschaften, 5 Pokalsiege und zwei mal Gewinner der Champions League im gleichen Zeitraum. Welcher Verein mag das wohl sein?
Großstadtattitüde. Egal, ob Bundes- oder (größere) Landeshauptstadt - wer dort wohnt, wo die wichtigsten Menschen, die elegantesten Geschäfte, das krasseste Nachtleben usw. anzutreffen sind, neigt gelegentlich zu Überheblichkeit. Deshalb gibt es den Faktor 0,95 für die traditionellen 'Vorzeigevereine' der größeren Millionenstädte (Hertha BSC, Hamburger SV, Bayern München). Ebenfalls einen kleinen Abzug gibt es für die Vereine aus Landeshauptstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern (u.a. Fortuna Düsseldorf, Hannover 96), sowie für Vereine aus küstennahen Hansestädten (u.a. Werder Bremen, Hansa Rostock), deren Bewohner im Rest des Landes halt als etwas spröde gelten.
Folgende Faktoren können positiv oder negativ auf die Stimmungspunkte wirken:
Tradition. Eine fast schon religiöse Verehrung für den Verein wird man auf Schalke oder in Kaiserslautern öfters antreffen als in Elversberg oder in Heidenheim, deren Fans zur Jahrtausendwende noch in einen 9er-Bus passten. Es macht auch heute im Stadion einen Unterschied, ob es für alle Fan-Generationen im Leben nur diesen Verein gab, oder ob ein Großteil der Zuschauer vor zehn Jahren noch vor der Glotze hockend zu Bayern oder Dortmund hielten. Vereine, die seit hundert Jahren Titel sammeln (u.a. Schalke 04, 1.FC Nürnberg, Hamburger SV), WM/EM-Helden hervorbrachten (u.a. 1.FC Kaiserslautern, Bayern München, Borussia Mönchengladbach) und obendrein unvergessene Europapokalschlachten bescherten (u.a. 1.FC Magdeburg, Werder Bremen, Borussia Dortmund), können einen Bonus-Faktor bis zu 1,1 erhalten. Abzüge gibt's für zwischenzeitliche Jahrzehnte der Bedeutungslosigkeit (Holstein Kiel, SpVgg Fürth). Vereine, die erstmals ab 2010 eine wahrnehmbare Fanbase aufbauten - Beispiele TSG Hoffenheim und 1.FC Heidenheim - haben den Faktor 0,9.
die sportliche Situation. Hier kommt eine sensationelle Erkenntnis: Wenn es super läuft, ist die Stimmung super. Läuft es beschissen, schwankt die Stimmung schon mal zwischen Apathie, Wut und Resignation. Aktuell auf 4-Jahreshoch stehen z.B. Schalke 04 und der Hamburger SV (maximaler Faktor 1,1), während Fans von Mainz 05 und Fortuna Düsseldorf den Blick auf die Tabelle am liebsten vermeiden würden (minimaler Faktor 0,93).
Positive Faktoren:
Underdog-Mentalität. An vielen Orten verstehen Fans die Unterstützung für ihren Verein auch als Abgrenzung von 'denen da oben', von denen sie sich alltäglich gegängelt fühlen: Ossis von Wessis, Franken von Bayern, Badenser von Württembergern, Braunschweiger von der ehemals preußischen Provinz Hannover. Daher gibt's einen Bonus von 1,05 für die Stammgäste der DDR-Oberliga seit 1965, und die drei großen Vereine aus Franken, Baden und dem Braunschweiger Land. Noch höher ist dieser Bonus für die beiden systematisch benachteiligten Großstadtvereine in DDR-Zeiten, den 1.FC Union und die BSG Chemie.
Randale-Meister. Wer brennt besonders für seinen Verein? Mein erneuter Dank gilt Der falschen 9 / fussballmafia für das Ranking der vom DFB verhängten Strafen für pyrotechnische Erleuchtung, von denen ich die Top-12 der letzten vier Saisons berücksichtige. Eintracht Frankfurt, 1.FC Köln und der Hamburger SV räumen in dieser Kategorie (Faktoren bis 1,09) am meisten ab.
Wie, die können sogar halbwegs singen? In vielen Arenen von DY! NA! MO! bis EISERN! UNION! dominieren gemeinsam laut gebrüllte Schlachtrufe. Da ist man als Nord-/Ostdeutscher bei Besuchen am Rhein manchmal überrascht, dass in jenen Städten, wo selbst in der Krabbelgruppe ab November Karnevalslieder geträllert werden, Sangeskunst und Liedervielfalt und Mitmachquote ein wenig größer sind. Daher ein Bonus von 1,05 für die Vereine aus den großen Karnevalsstädten Mainz, Köln und Düsseldorf.
Beispiel: Die TSG Hoffenheim kriegt aufgrund der sonstigen Faktoren aktuell den Multiplikator 0,95 - mangelnde Tradition (0,9) senkt den Stimmungswert, der durch aktuellen sportlichen Erfolg (1,05) nur teilweise ausgeglichen wird. Positiv ist der Faktor für den FC Hansa (Multiplikator 1,09), wo der Faktor spröde Hansestadt-Bewohner (0,95) zwar den Wert für Stimmung trübt, die ausgeprägte Underdog-Mentalität Ost (1,1 - Stichwort 'Lauf Wessi lauf'), Jahrzehnte der Anwesenheit in der obersten Spielklasse (1,01) und drei Platzierungen im vorderen Mittelfeld für pyrotechnische Vorführungen (1,03) in den vergangenen vier Saisons stimmungsmäßig jedoch positiv in die Wertung fallen.
Fazit: Für die TSG Hoffenheim ergeben sich [(0,35+1,17)x0,95=1,43] 1,5 von 4 möglichen Stimmungspunkte. Bei Hansa [(1,65+1,74)x1,09=3,70] ergeben sich 3,5 von 4 möglichen Stimmungspunkten.
Durch das Runden auf zwei Stellen hinterm Komma (A, B, C) können im gerundeten Ergebnis (A+B)xC Abweichungen entstehen. Stimmungspunkte werden auf halbe oder ganze Punkte gerundet.
A | B | A+B | C | (A+B)xC | Stimmungspunkte | |
Hoffenheim | 0,35 | 1,17 | 1,52 | 0,95 | 1,43 | 1,5 / 4 |
FC Hansa | 1,65 | 1,74 | 3,39 | 1,09 | 3,70 | 3,5 / 4 |



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