23.05.64 +++ Rappan-Pokal
Koninklijke Beeringen FC - Eintracht Braunschweig 2:3

"Preußens General Blücher und Albions Duke of Wellington huldigen Brunsviga, nachdem sie Napoleon bei Waterloo fast im Alleingang besiegte" - Anton Ulrich Bockelmann, 1964
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Dem Unwissenden sei das kuriose Land Belgien - den Älteren vielleicht noch geläufig als Österreichische Niederlande - anhand folgender Anekdote erklärt: Im zweiten Jahr des Großen Krieges, 1915, hatte ich soeben im Gefechtsstand bei Klompjekerk das Verdienstkreuz Zweiter Klasse an meinen Adjutanten, an Hauptmann Bockelmann vom Braunschweigischen Husaren-Regiment verliehen. Um seine Auszeichnung gebührend zu feiern, fuhren wir gemeinsam per Seitenwagen und Motorrad in die nächstgelegene Stadt: nach Roeselare, in ein Etablissement namens 'De knuffelige Kat'.
An unserem Ziel angekommen gesellte sich eine unvermählte junge Dame zu uns an den Tisch. Sie stellte sich als Fräulein Loulou vor, ließ sich auf einen Cognac einladen und zündete sich eine Zigarette an. Kaum hatte sie sich ihren Cognac munden lassen, flüsterte sie Bockelmann ein paar Worte ins Ohr. Er machte große Augen, errötete leicht und setzte seine Schirmmütze auf. Er erhob sich von seinem Hocker und bat, gemeinsam mit der Dame für eine halbe Stunde wegtreten zu dürfen. Wegtreten gewährt, Herr Hauptmann. So schritten Bockelmann und Fräulein Loulou dann die Treppe hinauf, weil, so vermutete ich zu jenem Zeitpunkt, aus einem der Zimmer im Obergeschoss der Ausblick auf die Michaeliskirche besonders prächtig sei.
Kaum hatte ich meinen zweiten Schwenker Cognac geleert, kam zu meiner Überraschung Bockelmann wieder die Treppe hinabgeschritten, doch diesmal ohne Fräulein Loulou. Sein Gesicht war nicht mehr errötet, sondern so weiß wie eine frisch gestärkte Tischdecke in der 'Oude Taverne', wo wir uns jeden Samstag mit anderen Hochrangigen bei Stoofvlees und Genever zur Lagebesprechung trafen.
"Hoheit, ich habe Euch Ungeheuerliches zu berichten", stammelte Bockelmann. "Aber vorher gebt mir Euer Wort, dass Ihr niemandem davon erzählt."
So hindert mich mein Offiziers-Ehrenwort daran, Bockelmanns Worte an dieser Stelle wiederzugeben. Daher sei Folgendes lediglich angedeutet: Bockelmann und Fräulein Loulou hatten sich - völlig entgegen meiner Erwartung - zum Zwecke bezahlbarer Liebesdienste zurückgezogen. Doch wo Bockelmann bei der Erkundung des belgischen Terrains den Fluss Maas vorzufinden erwartete - oder La Meuse, wie man im französischsprachigen Teil von Belgien wohl zu sagen pflegt - entdeckte er eine Narbe, an deren Stelle sich zuvor - wie man in Belgiens Hauptstadt wohl zu sagen pflegt - ein Männeken Pis befunden hatte.
Kurzum: Belgien ist das Fräulein Loulou unter den europäischen Nationen, ein Land der doppelten Gesichter. Überschreitet der Reisende ihre Landesgrenze von Norden kommend, wähnt er sich zunächst weiterhin im vorbildlich protestantischen Holland. Doch bereits nach wenigen Meilen erblickt das Auge allerlei katholischen Hokuspokus, zum Beispiel in Form einer Marienfigur an der Wegekreuzung. Sprechen die Menschen im Norden noch jene uns halbwegs vertraute Variante des Plattdeutschen, lässt uns weiter südlich der befremdliche Klang der Sprache Napoleons sofort nach dem Griff des Säbels tasten. Belgien ist ein Land voller befremdlicher Eigenheiten, das den braunschweigischen Geist stets auf die Probe stellt!
Diese unverblümten Worte werden das erste Kapitel in meinem neuesten literarischen Opus eröffnen, dem Handbuch der fremden Nationen, in denen unsere Eintracht die blau-gelbe Fahne in den Boden rammte. In wenigen Stunden, am frühen Abend, werden elf Braunschweiger Fußballer zum ersten Mal in der 69-jährigen Vereinsgeschichte einen Pflichtkampf im Ausland bestreiten. Kapitel zwei und drei, über Holland und die Schweiz, werden ebenfalls in diesen Sommermonaten verfasst, wenn die blau-gelben Wirbelwinde bei weiteren Gruppenspielen des Rappan-Pokals in Amsterdam und La Chaux-de-Fonds für Furore sorgen. Das komplette Handbuch gedenke ich zu publizieren, sobald unsere Eintracht in allen europäischen Nationen ihre hohe Kunst des Kickens zelebriert hat, also von Großbritannien und Irland bis Galizien, von Luxemburg bis Livland. Als Braunschweiger Patriot bin ich der felsenfesten Überzeugung, dass unser Verein auch in den kommenden dreißig Jahren regelmäßig zu internationalen Expeditionen aufbrechen wird, so dass wir selbst die unbedeutendsten europäischen Nationen bis 1995 alle heimgesucht haben sollten. Ergo wäre mein literarisches Opus pünktlich zum hundertjährigen Vereinsjubiläum der Eintracht bei jedem wohl sortierten Buchkrämer zum Zweck des käuflichen Erwerbs verfügbar.
"Bockelmann, der nationale Fußballverband traf die bestmögliche Wahl, als er unsere Eintracht für den Rappan-Pokal meldete", rufe ich, auf der Rückbank sitzend, das lärmende Geknatter unseres Zweitakters übertönend, meinem Adjutanten hinterm Lenkrad zu. "Es gibt keinen anderen Verein, der sowohl auf als auch neben dem Platz eine so exzellente Figur abgibt. Welch größere Sommerfreude kann es für einen niedriggeborenen Habenichts denn geben, als durch einen richtigen Tototipp auf ein internationales Spiel der Eintracht Geld zu gewinnen? Genug Geld, mit dem ein armer Schlucker die erste Rate für ein modernes Haushaltsgerät bezahlen könnte! Zum Beispiel die erste Rate für ein Transistorradio, oder für eins jener neumodischen elektrischen Grammophone!"
Neun Stunden der pausenlosen Automobilfahrt haben meinen Adjutanten, den Hauptmann Bockelmann, in einen schweigsamen Charakter verwandelt. Ohne zu antworten chauffiert er unseren Opel Puttchen, Baujahr 1917, über die dunkelgrauen Kopfsteinpflaster dieser ostbelgischen Bergbaustadt, auf der Suche nach einem standesgemäßen Lokal für unseren Mittagstisch. Ohne die vorherige Einnahme jenes Kristall-Pulvers, einst am Herzoglichen Forschungsamt für Kriegsführung entwickelt, wäre dieser neunstündige Husarenritt kaum möglich gewesen.
"Da drüben werden sie sich wohl versammelt haben", bricht Bockelmann sein Schweigen, als wir den verwaisten Marktplatz dieser tristen kleinen Stadt passieren. "Dort, im Restaurant de Hert." Das Haus des Hirschen.
"Parken Sie direkt vor dem Eingang", befehle ich.
Dermaßen ungestüm tritt Bockelmann auf die Bremse, dass der Schädel seines eingeschlafenen Beifahrers mit dumpfen Knall auf der Karosseriekante unterhalb der Frontscheibe aufprallt.
"Verhexte Waldaxt!" flucht der durch den Aufprall erweckte Oberfeld, der, nachdem er bereits während der morgendlichen Stunden unserer Reise auf dem Beifahrersitz eingenickt war. Den gesamten Inhalt seines Reiseproviants, einer Flasche Kräuterlikör, hatte er zu jenem Zeitpunkt bereits konsumiert. Mit gepeinigtem Gesichtsausdruck reibt er sich nun die schmerzende Stirn. "Bockelmann, du fährst wie der letzte Pantoffelritter!"
Bockelmann öffnet die Hintertür des Automobils, so dass ich aussteigen kann. Wir betreten die Lokalität, und tatsächlich, an der großen Tafel im Saale befindet sich die von uns an diesem Ort vermutete Braunschweiger Gesellschaft: Stehend mit Glatze und Hornbrille der Herr Advokat, der justament eine Rede hält. Einer der fünf sitzenden Zuhörer ist jener Weißhaarige, dessen quadratische Schädelform seine niedriggeborene Herkunft aus der Provinz Pommern verrät.
"Eintrachts Vereinspräsident, Doktor Hoppert, und der Leiter der Fußballabteilung, Graßhof", stellt der Oberfeld uns die beiden Herren vor, als ob sie uns nach all den Jahren noch unbekannt wären.
"Ach, der stellvertretende Hüttenwart unserer vereinseigenen Skihütte im Harz, den alle nur den Oberfeld nennen", unterbricht Hoppert seine Rede, ohne erkennbares Zeichen der Freude. "Und seine beiden Kompagnons, die ihn zu jedem Spiel begleiten..."
"Dit is de huttenmeester van de eigen skihut van deren club in de Harz, meneer Oberfeld", übersetzt die einzige Dame am Tisch für die drei uns fremden Herren: für den schnurrbärtigen Träger der Bürgermeisterkette, der - wie es in jeder von Kohlestaub verrußten Stadt zum guten Ton gehört - im Rathaus gewiss ein Portrait des obersten Spartakisten Chruschtschow hängen hat; für den schmalen Belgier mit einer jener modischen halbgefassten Brillen, so wie sie von Filmschauspielern auf den Reklameplakaten der Compagnie Rodenstock getragen werden, vermutlich Vereinspräsident des FC Beeringen, vermutlich - wie Hoppert - von Beruf ein Advokat; für den wohlgenährten Belgier mit buschigen Augenbrauen, vermutlich der Spielbetriebsleiter des FC Beeringen, der womöglich vor einigen Jahrzehnten - wie Eintrachts Graßhof - für seinen Verein auf Torejagd ging.
Wir kommen der Einladung zuvor, uns doch bitte mit an die Tafel zu setzen, indem wir unaufgefordert Platz nehmen. Prompt tritt Bockelmann den Beweis an, dass er sich im Großen Krieg, viele Meilen hinter der flanderischen Front, nicht nur mit der Malerei eines geisteskranken Landschaftsmalers namens van Gogh beschäftigte. Nein, er eignete sich auch ein paar nützliche Worte in der Landessprache an: "Meneer!" ruft er dem Kellner zu. "Breng ons acht Jenever, een Verpoorten voor de Dame, drie Bieren en drie Platen Stoofvlees!"
"Jawoll, Stoofvlees, lecker Schmackofatz", freut sich der Oberfeld. Erwartungsvoll die Hände reibend wendet er sich seinem Tischnachbarn, dem pommerschen Bauernspross Graßhof zu: "Ist mein Sportsfreund aus der Skiabteilung, Balduin Fricke, heute nicht hier? Sehr schade! Mensch, Graßhof, ich werde nie vergessen, wie du damals in Hamburg freistehend vor dem Tor auf den Arsch fielst, weil der Flankenball einen Meter vor dir im Schlammloch stecken blieb!"
Der angesprochene Spielbetriebsleiter starrt mit einer Melange aus Scham und Grusel auf die Stirn des Oberfelds, wo sich in den Minuten seit Bockelmanns Bremsmanöver eine stattliche Beule gebildet hat.
"Meneer Oberfeld zal nooit vergeten hoe Meneer Graßhof op zijn kont viel...", beginnt die Übersetzerin.
"Der Ausrutscher im Schlammloch, das muss 1924 gewesen sein", ergänzt Bockelmann, dem aus vielerlei Gründen - die lange Autofahrt, die nachlassende Wirkung des Kristall-Pulvers, die Wärme im Lokal - die Augenlider plötzlich schwer werden. "Auswärts bei Union 03 Altona... Endstand 4:1... für Eintracht."
"Hoppert, verzeihe Er, wir wollten Seine Rede nicht unterbrechen", wende ich mich an Eintrachts Präsidenten, der seit dem Moment unserer Ankunft sprachlos verdattert vor seinem Stuhl steht. "Fahre Er doch fort mit Seiner feierlichen Ansprache. Wir sind alle sehr gespannt."
Hoppert schüttelt kurz den Kopf, atmet durch und beginnt weiterzureden. Er erzählt von freundschaftlich nachbarlichen Beziehungen zwischen den Staaten Westeuropas in den letzten zwanzig Jahren; vom Dialog zwischen Belgiern und Deutschen; vom Auftrag des Sports, die Jugend grenzübergreifend zu friedliebenden Menschen zu erziehen; von seiner Vorfreude auf den Besuch der belgischen Gäste in Braunschweig in der übernächsten Woche. Mevrouw Ingrid, wie das Fräulein von den Belgiern genannt wird, übersetzt Hopperts ermüdendes Palaver. Endlich - in der seit der Bestellung verstrichenen Zeit hätte Napoleon Sankt Helena zu Fuß umrunden können - werden Schnäpse und frisch gezapfte Biere serviert. Der Kellner stellt Bockelmanns Getränke neben dessen Kopf, der seit Minuten schnarchend auf dem Tische ruht.
"Aufwachen, Herr Hauptmann!", ruft der Oberfeld, nachdem er seine geleerten Bier- und Schnapsgläser gegen Bockelmanns volle Gläser ausgetauscht hat. "Gleich berichtet der Herr Präsident, dass Eintrachts Finanzbeirat die Anschaffung von zehn Pingpong-Bällen im kommenden Jahr genehmigt hat. Das willste nicht verpassen!"
Nachdem das Mittagsmahl serviert und verzehrt wurde, will leider keine ähnlich wohlgemute Stimmung aufkommen, wie sie während des Großen Krieges an unserem Tisch in der 'Oude Taverne' üblich war. Der abwesende Vizepräsident Balduin Fricke hätte mit Sicherheit ein paar Lieder zum Besten gegeben. So schweigen sich Eintrachts Offizielle und die drei belgischen Gastgeber an, als Zigarren gereicht werden. Der Oberfeld inspiziert seine schmutzigen Fingernägel, während das Haupt des eingeschlafenen Hauptmanns weiterhin friedlich auf der Tischplatte ruht.
Da verbissene Schweigsamkeit am gemeinsamen Tisch auf internationalem Parkett als unhöflicher Affront gilt, beschließe ich das Eis ein wenig zu brechen. Schließlich ist es insbesondere meine Aufgabe, Braunschweig in fremden Ländern glänzend zu repräsentieren.
"Ich, Hauptmann Bockelmann und der Oberfeld, wir haben Belgien schon mal besucht", bemerke ich daher, als das brennende Zündholz meine Zigarre entflammt. "Und zwar vor genau fünfzig Jahren. Im August 1914. Ein Datum, das den anwesenden Herren sicherlich etwas sagt."
Drei Paar belgische Augenbrauen werden interessiert hochgezogen, während Fräulein Ingrid übersetzt.
"Braunschweigisches Husaren-Regiment. Zunächst spazierten wir durch den Verteidigungsring um Antwerpen. Erst hinter Ypern hielt uns dann der Brite auf."
Beunruhigt starren Hoppert und Graßhof mich an.
"Keine Sorge, meine Herren. Die folgenden zwei Kriegsjahre verbrachten der Herr Hauptmann und ich in der Villa Marie - eine Pension, in der wir mit kriegsgefangenen britischen Offizieren Karten spielten und am Kamin Pfeife rauchten. Ich kann mich nicht entsinnen, dass auch nur einer von uns anwesenden Herren einem einzigen Belgier jemals ein Haar gekrümmt hätte."
Erleichtert werfen Hoppert und Graßhof sich einen kurzen Blick zu.
"Also mir wurde in Belgien ja das Verdienstkreuz Zweiter Klasse verliehen", äußert sich Bockelmann, als er unvermittelt aufgewacht und sich zum Sitzen aufgerichtet hat, und zunächst verwundert die leeren Gläser und den frisch gefüllten Brotbeutel mit längst erkaltetem Stoofvlees betrachtet. Das erwähnte Verdienstkreuz Zweiter Klasse hatte Bockelmann sich im Übrigen verdient, indem er, in seiner Rolle als Versorgungsoffizier, für unser Bataillon die größte Ration an Pfeifentabak pro Offizier an der gesamten Westfront zu beschaffen vermochte.
"Das Verdienstkreuz wurde mir verliehen", berichtet der soeben Erwachte, "weil ich hunderte von Feinden im Nahkampf tötete. Wenn man abends an meinem Bajonett leckte, schmeckte es stets nach belgischem Blut."
"Bruharhahahar!" lacht der Oberfeld angesichts dieser grotesken Phantasterei, gespeist aus zu viel Müdigkeit und zu viel Kristall-Pulver. Hoppert und Graßhof - unsicher ob des Wahrheitsgehaltes von Bockelmanns Behauptung - vergessen für einen Moment zu atmen.
Zigarrenrauch steigt sanft auf, als am anderen Ende des Tisches drei Belgier mit versteinerter Miene Fräulein Ingrids Übersetzung lauschen: "Als Meneer Bockelmann avonds aan zijn bajonet likte, smaakte het altijd naar Belgisch bloed."
"Bockelmann", sage ich. "Vier Kriegsjahre lang leckte niemand an Ihrem Bajonett, weil es eingeschlossen im Spind zehn Kilometer hinter den Schützengräben auf seine Feuertaufe wartete."
"Bockelmann", sagt der Oberfeld. "Dein einziges Bajonett, an dem während des Krieges vielleicht geleckt wurde, ist das Fleischbajonett da unten in deiner Unterhose. Wenn du zu Besuch im Bordell in Roeselare warst. Einmal übersetzen bitte, Fräulein Ingrid! ... Ach, à propos: Bockelmann, erheitere diese fröhliche Runde doch mal mit der Geschichte von der Feier deines Verdienstkreuzes Zweiter Klasse. Weißte noch, das Fräulein mit dem kleinen Loulou-Mann im Schlüpper? Wie hieß sie doch gleich?"
"Woher zum Henker kennst du die Geschichte vom Fräulein mit ...?"
Doch bevor Bockelmann seine Frage ausformuliert hat, schwingt plötzlich die Tür zu unserer Lokalität auf, und ein Mann mit Droschkenfahrermütze sagt Worte, von denen ich "zeven uur", "twee Taxi's" und "voor de Eregasten van de FC en uit Duitsland" zu verstehen vermag.
Der Oberfeld reagiert am schnellsten, springt auf und ruft zum Abschied "Vielen Dank für Speis und Trank!" in Richtung unserer belgischen Gastgeber.
Noch bevor ein Napoleonischer Infanterist seinen Vorderlader mit einer Kugel hätte schussbereit machen können, sitzen wir bereits zu viert - den Fahrer mitgezählt - in einer der beiden georderten Droschken.
"Zum Stadion", befehle ich, "Naar de Mijnstadion", übersetzt Bockelmann.
"Bis später, die Herren Hoppert und Graßhof!", ruft der Oberfeld, bei unserer Abfahrt den verdatterten Offiziellen aus Braunschweig und Beeringen durch das Rückfenster zuwinkend, die erst in diesem Augenblick durch die Tür des 'Restaurant de Hert' getreten kommen. Fünf Offizielle plus Fräulein Ingrid, auf die nun bloß eine einzige Droschke wartet.
Über holperiges Kopfsteinpflaster werden wir entlang düsterer Reihenhäuser chauffiert, hinter denen ein stählerner Turm auf vier gespreizten Beinen gen Himmel ragt. Dutzende Menschen, die Knaben in kurzen Hosen, sind zu Fuß in Richtung Stadion unterwegs. Wie froh diese Unseligen doch wären, wenn sie das Elend an diesem Orte gegen ein erfülltes Arbeitsleben auf einem idyllischen Rübenfeld in meinem Herzogtum tauschen könnten! Wer bevorzugt unterirdisch in einer Mine schuftet, könnte sich im Eisenerzbergwerk von Lengede verdingen, wo in diesem Kalenderjahr - anders als im vergangenen Jahr - sich noch kein Klärteich in der Grube ergossen hat.
Unsere Droschke biegt nach links von der Straße ab und hält vor einer langen Backsteinfassade, der Rückseite der Tribüne. Ein wohlgenährter Knecht im Dienste des Vereins, dem Augenschein nach ein ehemaliger Preisboxer, öffnet die Seitentüren. Wir steigen aus und drücken ihm unsere während der Fahrt geleerten Biergläser aus dem Restaurant de Hert in die Hand.
"Het is de President van Eijntrakt Brunswijk, Meneer Doktor Hoppert“, stellt Bockelmann mich vor. "Het is de Oberfeld, en ik bin Meneer Graßhof."
Missmutig mustert der korpulente Belgier unsere Husarenuniformen, dann geleitet er uns durch den Eingang zu den Ehrenplätzen, wo drei rot lackierte Holzstühle auf Höhe der Mittellinie auf uns warten, versehen mit den Namenskarten 'Dr Hoppert', 'Graszhof' und 'Eintracht III'. Wir lassen uns vom Vereinsknecht drei Flaschenbiere und Sitzkissen bringen, und machen es uns auf unseren Stühlen bequem.
"Auf das Herzogtum und auf die Eintracht, meine Herren!"
"Auf das Herzogtum und auf die Eintracht, Hoheit!", antwortet Bockelmann.
"Wohlsein", antwortet der Oberfeld.
Üblicherweise trinke ich Bier aus einem Humpen aus feinstem Fürstenberger Porzellan. Doch leider befindet sich dieser Humpen in Bockelmanns Tornister in unserem Opel Puttchen, geparkt vor dem Restaurant, in dem wir zu Mittag speisten. Wie ein verfluchter Tagelöhner bin ich nun gezwungen, aus einer Flasche merkwürdig malzig schmeckendes Bier zu trinken.
"Oh, wie wohl dieses belgische Bier mir mundet", befindet Bockelmann. "Welch feines Gebräu mit leichten Aromen von Holz, Kräutern und Kohlestaub."
"Ich befürchte schlimmeres als Kohlestaub", gebe ich zu bedenken. "Bekanntlich waren wenige Tage nach der Schlacht von Waterloo kaum noch sterbliche Überreste der tausenden Gefallenen auffindbar. Man vermutet, dass belgisches Landvolk sofort die Toten einsammelte, um die Knochen in einer Mühle zu zermahlen."
"Bei uns zu Hause in Wiebenbüttel hatten wir auch eine Knochenmühle", fällt mir der Oberfeld ins Wort. "Knochenmehl galt bei uns als erstklassiger Dünger für Rübenfelder."
"Ich würde daher mutmaßen", sage ich in Fortsetzung meines Gedanken, "dass der Belgier noch heute zermahlene menschliche Knochen als Dünger in der Landwirtschaft einsetzt. Zum Beispiel für den Anbau von Gerste, aus der bekanntlich das Malz zum Bierbrauen produziert wird."
"Interessanter Hinweis, Herr Oberstleutnant."
Der Oberfeld hat die irritierende Angewohnheit, mich ausschließlich mit meinem Rang im Husaren-Regiment anzureden.
"Bockelmann, hast du verstanden, was der Oberstleutnant uns eben erklärt hat? Was du in deinem Bier geschmeckt hast, das ist also kein Kohlestaub. Das ist, neben Aromen von Holz und Kräutern, auch das Aroma vom Knochenmehl von irgendeinem syphiliskranken Hauptmann der französischen Infanterie, der hier in der Gegend vor hundertfuffzig Jahren eine Kugel in den Kopf kriegte."
"Bei näherer Inspektion", antwortet Bockelmann schmatzend, mit der freien Hand sein Eintracht-Fahrtenbuch aus dem Revers seiner Attila ziehend, "schmecke ich neben Holz und Kräutern das Aroma von Knochenmehl eines ungebildeten Oberfeldwebels, der bei Waterloo so fest mit der Stirn auf dem Sattelknauf aufschlug, dass er vom Pferd fiel und tödlich unter die Hinterhufe kam."
Sorgfältig öffnet mein Adjutant das Fahrtenbuch, füllt mit angespitztem Bleistift eine weitere Zeile aus, und erklärt: "Der FC Beeringen ist der hundertvierundzwanzigste Verein, bei dem wir unsere Eintracht auswärts spielen sehen. Man stelle sich vor, Napoleon wäre vierzig mal zu Pferde von Paris nach Moskau und wieder zurück geritten. Dann hätte er ungefähr die selbe Anzahl an Meilen zurückgelegt, die wir einschließlich des heutigen Tages zu Auswärtsspielen der Eintracht gefahren sind."
Nicht ganz so weit war die Anreise für die paar Tausend Einheimischen, die heute in dieses enge Stadion gepilgert sind, um unsere Löwen in ihrer leibhaftigen Größe erleben zu dürfen. Applaus brandet auf, als beim Einlauf der beiden Mannschaften die Noblesse der Eintracht-Trikots für alle sichtbar wird, mit den feinen blau-gelben Längsstreifen und dem roten Löwen als Wappentier. Farben und Formen in einer Schönheit, die das Lumpengesindel in diesem Ort wohl nur selten erblicken durfte. Welch ein Kontrast zur schäbigen roten Uniform des belgischen Vizemeisters, mit aufgenähten weißen Quadraten, auf denen die Rückennummern der Spieler stehen.
"Die laufen ja in Trikots rum, wie man sie in England nur beim Hunderennen sehen würde", konstatiert Bockelmann kopfschüttelnd.
Die Mannschaftsaufstellungen werden verlesen. Die Belgier treten in der Abwehr mit einem Spieler namens Pooters und im Angriff mit einem Spieler namens Peeters an. Mehr braucht ein vernünftiger Mensch über diesen Gegner nicht zu wissen.
"Herrgott, lass uns nicht verzagen, müssen heut die Belgier schlagen", murmelt Bockelmann, mit gefalteten Händen im Gebet versunken. "Braunschweig heute triumphiert, und morgen bis Paris marschiert. Amen!"
Direkt ab Anpfiff kommt Beeringen aus dem Graben gesprungen, als suche man Revanche für sämtliche zuvor erlittene Niederlagen gegen Braunschweigische Truppen auf belgischem Boden. Obwohl mit einigen kaum bewährten Reservisten angetreten, demonstriert Eintracht bereits in den Anfangsminuten, wie ein Verteidigungsring erfolgreich gebildet wird. Eine gute halbe Stunde lang hält Eintrachts Bollwerk, doch dann passt Pooters auf Paaters, der unerfahrene Halbverteidiger Saalfrank lässt seinen Gegner Piiters ungehindert laufen, dieser kickt den Ball zum ebenfalls vorwärts stürmenden Puuters. Jubel brandet auf im Stadionrund, als dieser den Ball mit wuchtigem Spannstoß hinter Eintrachts Goalwart Jäcker im Netz einschlagen lässt.
"Verdammte Heckenhacke!" flucht der Oberfeld. "Ich geh für uns Ehrengäste nochmal drei Flaschen Knochenbräu holen."
Vorbei an noch unbesetzten Stühlen im Ehrengastbereich trottet der Hauptfeld Richtung Getränkestand. Kaum ist er hinter der Tribüne verschwunden, als ein weiterer Reservist der Eintracht, Weschke, mit dem Ball am Fuß auf der noch gut erhaltenen Rasenfläche nahe der Außenlinie Galopp aufnimmt. Pijters hechelt verzweifelt hinterher - wie ein hannoverischer Kavallerist, der sein Pferd beim Kartenspiel verloren hat - doch er kann Weschke nicht stellen. Sein hoher Flankenball fliegt mit der Leichtigkeit einer Brieftaube, die in ihrer Nachrichtenkapsel die Zielkoordinaten einer belgischen Stellung trägt. Die Flanke senkt sich bei Eintrachts Halbrechten Hosung, der den Ball im vollen Lauf mit dem Oberschenkel stoppt, den Ball einmal auf dem holprigen Terrain des Penalty-Raums aufprallen lässt, und dann den Ball mit beherztem Tritt ins Tor der Belgier kanoniert.
"JAAA!" jubelt Bockelmann. "Heute lernt der Belgier seine Lektion!"
Mein Adjutant zückt sein Eintracht-Fahrtenbuch und macht eine Notiz. "Hoheit, soeben wurden wir zum 1.335ten Male Zeugen eines Auswärtstores der Eintracht", informiert er mich. "Gleichzeitig war es Auswärtstor Nummer 281, das der Oberfeld, trotz ordnungsgemäß erfolgter Anreise, aufgrund von Bier holen, übermäßiger Trunkenheit oder wegen eines Aufenthaltes in der Zelle der örtlichen Gendarmerie versäumt hat."
An dieser Stelle sei erwähnt, dass wir Drei - ich, Bockelmann und der Oberfeld - bei allen Pflichtspielen in der Fremde seit Gründung des Vereines anno 1895 zugegen waren. Nach der Revolution von 1918, als der falsche Herzog von Braunschweig auf den Thron verzichtete und die Spartakisten einen Freistaat ausriefen, fanden wir drei Herren Unterschlupf in einer Jagdhütte am Südhang des Harzes, unweit der sogenannten Hexenquelle. Einer alten Überlieferung zufolge soll das Wasser der Hexenquelle unsterblich machen, was selbstredend dummes Geschwätz ist.
"Winger Weschke wird in der demnächst beginnenden neuen Spielzeit wohl regelmäßig vom Trainer aufgestellt werden", prognostiziere ich aufgrund des Spielzugs, der soeben zum Tor der Eintracht führte. "Wie schon in der letzten Halbserie, als er den erkrankten Gerwien vertrat."
Im vergangenen Winter nominierte Herberger, der noch amtierende Trainer der nationalen Auswahlmannschaft, Braunschweigs Rechts-Winger Gerwien für freundschaftliche Wettkämpfe im fernen Nordafrika - einer unwirtlichen Region, so sehr von Gelbfieber und Malaria geplagt, dass vor wenigen Jahren sogar die französischen Kolonialherren flohen. In einem typischen Komplott der Preußen gegen Braunschweig - nicht zufällig spielt die sogenannte Nationalmannschaft seit anno 1908 in den preußischen Farben weiß und schwarz - werden Braunschweiger Spieler bevorzugt zu Reisen in gesundheitsgefährdende Regionen einberufen. Prompt fing Winger Gerwien sich in Algerien ein ihn langwierig schwächendes Buschfieber ein.
"Fürwahr, Hoheit. Wusstet Ihr, dass Lothar Weschke in der kommenden Saison auch zu Eintrachts Vertragsspieler-Kader gehören wird? Nur noch vormittags braucht er dann einem Beruf nachzugehen. Nachmittags kann Weschke dann an jedem Mannschaftstraining teilnehmen - also dreimal pro Woche!"
"Potztausend", antworte ich. "Bei einem Bundesligisten wird gleich dreimal pro Woche trainiert?"
"Zumindest bei der Eintracht, Hoheit. Montags zwei Stunden Konditionstraining, Mittwochs zwei Stunden Lauftraining, Freitags zwei Stunden Gymnastik. Überlegt mal, welch ein noch besserer und noch flinkerer Fußballspieler Weschke durch dieses regelmäßige Training werden kann! Ich lege mich fest: Gerwien - sofern er das Franzosenfieber überwunden hat - und Weschke bilden in der kommenden Saison Eintrachts Flügelzange."
"Eintracht bemüht sich sogar noch um einen weiteren Flügelspieler", unterbricht uns ein ungepflegter Mann in Feldgrau, mit Beule auf der Stirn, der sich mit mehreren Bierflaschen unterm Arm durch die Sitzreihe drängelt: der Oberfeld. Kraft seines Amtes als stellvertretender Hüttenwart von Eintrachts Skihütte im Oderbruch - nur wenige Meilen von unserem wäldlichen Zuhause entfernt - ist er stets gut informiert, was im Verein getratscht und getuschelt wird. "Trainer Johannsen will unbedingt den Linksaußen holen, den er noch aus seiner Zeit in Saarbrücken kennt. Er heißt, glaube ich, Erich Maas."
Erich Maas? Eric La Meuse, wie man im beizeiten französisch okkupierten Saarland wohl sagen würde.
"Unsere Gegner werden in der kommenden Saison also eine furchterregende Angriffsformation im Trikot der Eintracht erleben", verfällt Bockelmann nach Ertönen des Halbzeitpfiffes in Fachsimpelei, leere Bierflaschen in taktischer Anordnung auf dem Boden hin- und herrückend: "Krafczyk, der neue Innenstürmer. Moll rückt aus dem offensiven Zentrum nach halblinks. Halbrechts spielt dann Schrader. Eventuell Dulz. Wohl kaum der Neue, der von der Arminia vom Bischofsholer Damm verpflichtet wurde."
"Lothar Ulsaß?" fragt der Oberfeld.
"Genau. Lothar Ulsaß. Wären in der Bundesliga Einwechslungen gestattet, würden wir Ulsaß vielleicht gelegentlich in der zweiten Spielhälfte spielen sehen."
"Und vergessen Sie nicht einen weiteren Kandidaten für Eintrachts Angriffsreihe", mahne ich. "Wuttich, den Veteran unseres größten Triumphes der vorletzten Spielzeit. Schütze des goldenen Tores auf des Feindes Scholle, in der Eilenriede. Unser Held, der Eintracht für Eintracht das Tor zur Bundesliga öffnete und Sechsundneunzig hoffentlich für alle Zeiten ins Sankt Helena namens Regionalliga Nord verbannte!"
Anders als in der Bundesliga scheint der Einsatz von Reservisten im Rappan-Pokal zulässig zu sein: Anstelle von Schrader betritt der eben noch erwähnte Wuttich nach dem Pausentee den grün-braunen Acker. Welch kurioser Anblick, einen Fußballspieler mit der Rückennummer 12 auflaufen zu sehen, obwohl doch bekanntlich pro Mannschaft nur elf Mann auf dem Platz stehen!
"Man stelle sich vor, Napoleon säße hier im Stadion," scherze ich. "So wie gemäß des französischen Revolutionskalenders die Uhr nur noch zehn statt zwölf Stunden haben sollte, würde Napoleon beim Anblick einer Rückennummer 12 sofort das Dezimalsystem in den Fußballregeln, die der Braunschweiger Lehrer Konrad Koch der Welt schenkte, einführen. Eine neue Regel würde lauten: Ab dem Jahr eins des französischen Revolutionskalenders sollen sich auf dem Fußballfelde pro Mannschaft nur noch zehn Kombattanten gegenüber stehen."
"Welch köstliche Vorstellung, Hoheit!" antwortet Bockelmann artig lachend. "Ab sofort gelte: Das Spiel dauere zehn mal zehn, also einhundert Minuten."
Der Oberfeld, überfordert von den feingeistigen Apperçus der Herren Offiziere, rollt bloß mit den Augen und hält seine Bierflasche kühlend an die Beule auf seiner Stirn.
Während Oberfelds Vorfahren vermutlich an Alkoholvergiftung oder an der Schwindsucht zugrunde gingen, fielen zwei meiner direkten Vorfahren ehrenhaft im Kampf gegen Napoleon: mein Urgroßvater, Herzog Karl Wilhelm Ferdinand, starb wenige Tage nach der Schlacht bei Auerstedt, als Napoleon ostwärts Richtung Berlin und Moskau zog; mein Großvater, Friedrich Wilhelm, der Schwarze Herzog, fiel bei Quatre-Bras südlich von Waterloo, als Napoleon im westwärtigen Rückzug Richtung Paris endgültig besiegt wurde. Falls jemand nach dem preußischen König fragt - der feige Hund floh vor den Franzosen Richtung Tilsit, um sich im fernen Ostpreußen zu verstecken. Als stolze Braunschweiger werden wir zu Großvaters Ehren nach Spielschluss das ehemalige Schlachtfeld bei Waterloo aufsuchen.
Vor unseren Augen, auf dem Schlachtfeld des Mijnstadions, wogt das Spiel gemächlich hin und her, als ein hoch und weit geschlagener Verzweiflungsball aus der Abwehr der Belgier vom unermüdlichen Halbläufer Schmidt abgefangen wird. Dieser passt nach links zum wieder genesenen Winger Dulz, dem seine ehemaligen Mitspieler vom Hamburger SV den Wechsel zur Eintracht offenbar nicht verzeihen konnten, und ihm im im Bundesliga-Wettstreit beider Mannschaften vor wenigen Monaten das Wadenbein brachen. Damals musste er auf einem Bein humpelnd bis zum Abpfiff durchhalten, doch heute nimmt er auf zwei gesunden Beinen Tempo auf. Wieder einmal beweist er, dass er 100 Meter in deutlich weniger als 15 Sekunden sprinten könnte. Den neben ihm daher trabenden Gegenspieler verblüfft Dulz, indem er unvermittelt den Ball mit Wucht Richtung Tor tritt. Ein famoses Geschoss, dass nicht der belgische Goalhüter, sondern erst das sich bauschende Tornetz aufzuhalten vermag.
"JAAA!" ertönt zu meinen Seiten der zweistimmige Torjubel. "Auswärtssieg in Belgien!", ruft Bockelmann. "Wie vor 150 Jahren bei Waterloo! Wie vor 50 Jahren bei Antwerpen!"
"Bockelmann", fragt der Oberfeld, "wie sagt man auf belgisch 'fünfzig Jahre'?"
Sekunden nach der Antwort steht der Oberfeld auf seinem Stuhl und skandiert: "EINTRACHT WIEDER DA! NACH VIJFTIG JAAAR!"
Grummelnd werfen jene in Hörweite sitzenden Belgier, die von der aktuellen Jahreszahl, 1964, auch ohne Abakus 50 anziehen können, dem Oberfeld feindlich gesonnene Blicke zu. Im gleichen Moment nehme ich zur Kenntnis, dass auf den benachbarten Stühlen jenseits des Oberfelds in diesem Augenblick unsere belgischen Gastgeber aus dem 'Restaurant de Hert' Platz nehmen. Der Wohlgenährte mit den buschigen Augenbrauen, den ich für Beeringens Spielbetriebsleiter halte, nun mit leichter Zornesröte im Gesicht, flegelhaft mit dem Finger auf uns deutend, wettert böse blickend auf Flämisch: "Omdat u in een van de bestelde taxi's was vertrokken, moesten we twintig minuten lopen om er eindelijk een te vinden! De heren Hoffert en Graßhof stapten in de enige overgebleven taxi voor het restaurant, maar niemand lijkt te weten waar ze nu zijn!"
"Verstehen Sie, was dieser ungehobelte belgische Klotz uns sagen will?" frage ich Bockelmann, der der belgischen Schimpfkanonade aufmerksam lauschte.
"Also wenn ich den Belgier richtig verstanden habe, verzögerte sich die Ankunft der belgischen Offiziellen im Stadion, weil sie zunächst zu Fuß einen Droschkenstand aufsuchen mussten, nachdem eine der beiden bestellten Droschke mit uns Dreien zum Stadion fuhr."
"Vielen Dank für die Übersetzung, Fräulein Ingrid", sagt der Oberfeld zu Bockelmann. "Ich hab den dicken Belgier aber ganz anders verstanden", behauptet er, der kaum ein fremdsprachiges Wort versteht, und dessen Glaubwürdigkeit aufgrund seiner schlichten bäuerlichen Herkunft ohnehin zu bezweifeln ist. Die ehrabschneidende Geste des Belgiers imitierend, indem er mit dem Zeigefinger auf Bockelmann deutet, sagt der Oberfeld: "Wieso wurde diesem Hauptmann das Verdienstkreuz Zweiter Klasse verliehen, obwohl er im Großen Krieg nicht einen einzigen Belgier zur Strecke brachte?"
"Nun höre ich heute schon zum zweiten Mal diese infame Lüge!" reagiert Bockelmann empört. "Oberfeld, du kannst von Glück sagen, dass du als einfacher Unteroffizier und als Sohn von einem Rübenbauern nicht satisfaktionsfähig bist. Sonst wäre es jetzt meine Pflicht, dich zum Duell zu fordern!"
"Bockelmann, der fluchende Belgier erwähnte doch auch die Namen Hoffert und Graßhof."
"Fürwahr, Hoheit, er erwähnte die beiden", antwortet mein Adjutant. "Unsere Gastgeber scheinen sich zu wundern, dass Hoffert und Graßhof nicht im Ehrengastbereich aufgetaucht sind, obwohl sie im zweiten bestellten Taxi, also unmittelbar nach uns, hierher zum Stadion gefahren wurden."
"Ich glaube, der Preisboxer am Eingang könnte das Rätsel lösen", meint der Oberfeld. "Erst lässt er uns drei als Braunschweiger Ehrengäste passieren. Minuten später kommen zwei weitere Gestalten, die behaupten, die Braunschweiger Ehrengäste zu sein. Ich vermute, die werden vom Preisboxer einen hübschen Tritt in den Hintern gekriegt haben."
"Die beiden werden schon irgendwie ins Stadion reingekommen sein", mutmaßt Bockelmann. "Können sich doch einfach zwei Tribünenkarten kaufen. Vorausgesetzt natürlich, dass sie zuvor in Braunschweig genügend belgische Franken getauscht haben."
Unterdessen prallt auf dem grün-braunen Kampfacker ein weiterer belgischer Angriff an der blau-gelben Abwehrwand ab. Flink wird der Ball im Gegenzug durchs Mittelfeld getrieben, Hosung leitet den Ball mit einem delikaten Fußstupser weiter in den feindlichen Penalty-Raum, wo der junge Mittelforward Moll zu flink für den behäbigen Mittelläufer ist. Mit einem überraschenden Außenfußroller überwindet Moll den belgischen Keeper, der wohl einen strammen Schuss erwartet hatte, und machtlos hinterher schauen muss, wie der Ball die Kreidelinie des von ihm gehüteten Tores überquert.
"JAAA!" rufen Bockelmann und der Oberfeld, aus ihren Sitzen springend. Enttäuschtes Kopfschütteln bei unseren belgischen Nachbarn, für die es sehr demütigend zu sein scheint, diese beiden Braunschweiger Herren erneut auf belgischem Boden jubeln zu hören.
"Die Belgier werden hier ja regelrecht überrollt", bemerke ich gegenüber Bockelmann. "Gilt die Beistandsgarantie der Briten für Belgien eigentlich noch? Wie Sie sicherlich wissen, garantierten die Briten dem nach den napoleonischen Kriegen gegründeten Belgien militärischen Beistand im Falle eines feindlichen Überfalls."
"Wie unsere Einheiten vor fünfzig Jahren bei Ypern ja leider feststellen mussten", ergänzt mein Adjutant.
"Nun bin ich also gespannt, ob diese Beistandsgarantie auch heute noch gilt", setze ich meinen klugen Gedanken fort. "Lassen wir uns also überraschen, ob in den verbleibenden Minuten noch britische Verstärkung aus dem Spielertunnel kommt, um Belgien erneut zu retten."
Um diesen Gedanken zu illustrieren, krame ich in meinem Gedächtnis nach Namen von Albions Spitzenmannschaften, wobei ich doch schon seit geraumer Zeit keinen Blick mehr auf Ergebnisse im englischen Landespokal geworfen habe.
"Vielleicht eilen den Belgiern ja noch handverlesenen Recken der Old Etonians oder Old Corinthians zur Hilfe", sage ich schließlich.
Kaum noch zehn Minuten bis zum Abpfiff, verrät der Blick auf meine Taschenuhr. Angesichts der für die Gastgeber aussichtslosen Lage ist es recht ruhig geworden im Mijnstadion. Die ersten Zuschauer verlassen das Stadion. Irgendwo in der Ferne bellt ein Hund.
"Das ist bestimmt ein Malinois, den ich draußen bellen höre", sage ich zu Bockelmann. "Schöne Tiere, diese belgischen Schäferhunde, finden Sie nicht auch?"
"Gewiss, Hoheit, ein Malinois ist ein feiner Hund. Erinnert Ihr Euch? Die Betreiberin der Villa Marie an der Kanalküste besaß bis zu jenem tragischen Vorfall selber einen Malinois."
Mit einem gewissen Amüsement beobachte ich Bockelmanns Gesichtsausdruck, als ihm nach wenigen Augenblicken schließlich ein Licht aufgeht:
"NA UND OB IM GROßEN KRIEG EIN BELGIER DURCH MICH UMS LEBEN KAM!" ruft er aufgeregt ins stille Stadionrund, an den durch seine Unachtsamkeit tödlich verunglückten Malinois denkend. "IK HEB WIRKLICH EEN BELGIER IN DE GROOTE KRIECH DOOD GEMAKT!"
Im Radius von zehn Stühlen dreht sich jeder Kopf in Bockelmanns Richtung. Doch niemand guckt amüsiert. Meinem Adjutanten entgeht dieser Stimmungswandel unter den Tribünengästen, denn er ist ausschließlich auf die neben ihm sitzenden belgischen Offiziellen fokussiert. Ihnen erklärt er in flämisch-deutscher Melange, wie er, Bockelmann, entgegen aller ehrabschneidenden Unterstellungen, tatsächlich für ein belgisches Kriegsopfer verantwortlich war: Nämlich als er Zouzou, Maries belgischen Schäferhund, Ende 1914 beim Gassigang am Strand zwischen Westende und Ostende frei laufen ließ, und der Unglückliche im seichten Gewässer der Brandung auf eine tödliche Sprengmiene trat.
"BUMM! ÜBERALL FETZEN VOM GESPRENGTEN BELGISCHEN HUND!" schildert Bockelmann mit ausladender Armbewegung, für alle im näheren Umkreis gut hörbar. "OVERAL STUKJES VAN DE DODE BELGISCHE HOND!"
Ein bis zwei Sekunden lang herrscht atemlose Stille in unserem Tribünenbereich.
Doch dann bricht hier mächtig Trubel aus: Bockelmann, von einem wütenden Belgier geschubst, fällt über zwei leere Stühle, die krachend unter ihm zu Boden poltern. Durch den Sturz verfehlt ihn eine von hinten geworfene Bierflasche, die einen Belgier zwei Reihen vor uns so heftig im Rücken trifft, dass diesem vorne die Mütze vom Kopf fällt.
"Na endlich mal ein wenig Trallala und Hoppsasa, hier in dieser Gruft der trüben Laune", kommentiert der Oberfeld. "Damit hätten wir ja auch geklärt, warum dieses Stadion hier Mijnstadion heißt: Nicht wegen irgendeiner Kohlemine, sondern wegen der Sprengmine über die der arme Zouzou..."
Den Satz beendet der Oberfeld nicht, weil ihn die Faust des von der Bierflasche getroffenen Belgiers seitlich am Wangenknochen trifft.
Plötzlich ist der uns bereits bekannte Preisboxer zur Stelle, packt mich und Bockelmann unsanft am Schlawittchen, und zerrt uns - Braunschweigischen Offizieren völlig unwürdig - entlang der Stuhlreihe Richtung Treppe, Richtung Ausgang. Schmährufe begleiten uns, irgendein Belgier spuckt Bockelmann ins Gesicht. Prompt ertönt Jubel, doch diese Gefühlsregung ist wohl dem Umstand geschuldet, dass unten auf dem Acker Beeringen um einen Treffer verkürzen konnte, vermutlich weil nun elf Belgier zusammen mit elf zur Unterstützung herbeigeeilten Briten gegen elf Braunschweiger spielen.
"Pfui, schämen Sie sich!" vernehmen wir plötzlich Worte in deutscher Sprache, als wir gewaltsam ans Ende der Sitzreihe geführt werden. Die Worte sprach Eintrachts Präsident Hoppert, der neben Graßhof auf einem der billigen Plätze nahe des Ausgangs sitzt. "Sie sind eine Schande für unser Land und für unseren Verein!"
"Lausche Er", antworte ich leicht gebückt, im Schlawittchengriff des Ordners, der mich wie einen räudigen Hund vor sich herschiebt. "Wer kommt denn nach Abpfiff der patriotischen Braunschweigischen Pflicht nach? Wer fährt denn zum Schlachtfeld von Quatre Bras bei Waterloo, um dort eine blau-gelbe Flagge niederzulegen? In Gedenken an meinen gefallenen Urgroßvater, den Schwarzen Herzog? Der feine Herr Hoppert und der feine Herr Graßhof? Oder wir drei langgedienten Veteranen des Husaren-Regiments?"
"Und wer wird bei Waterloo ein Stück Würfelzucker in Gedenken an Grenadier, dem Pferd des Schwarzen Herzogs, dem Urgroßvater des Herzogs niederlegen?" fragt Bockelmann, dessen Kragen im festen Griff der anderen Pranke des Vereinsknechtes ist. "Sie beide? Oder wir?"
Am Ausgang, hinter der Tribüne, löst sich endlich der Griff an meinem Kragen, und ein grober Schubser lässt mich zu Boden taumeln, kurz bevor Bockelmann ebenfalls im Staube zu Fall kommt.
Wir rappeln uns auf, klopfen uns an der rückwärtigen Backsteinfassade der Tribüne den Staub von der Uniform. Eine Minute später erscheint der Preisboxer erneut und lässt den Oberfeld mit kräftigem Schubser vor unsere Füße stolpern.
"Bockelmann, wischen Sie sich die belgische Spucke aus dem Gesicht, eilen Sie zurück zum Restaurant und holen Sie unser Puttchen. Oberfeld, richten Sie sich auf und eilen Sie zum Bierstand zwecks Besorgung von Nachschub."
Minuten später stoßen ich und der Oberfeld - neben seiner Beule auf der Stirn nun auch zusätzlich durch eine Schwellung entstellt, wo die belgische Faust ihn an der Wange traf - mit Waterlooer Knochenbier auf einen erneuten Braunschweiger Sieg an.
Plötzlich beschleicht mich ein Gefühl des Zweifels: War es vielleicht ein Fehler, Bockelmann unser Automobil holen zu lassen? Denn ich habe ein wichtiges Kommuniqué zu formulieren.
"Oberfeld, trotz Ihrer schlichten bäuerlichen Herkunft sind Sie doch hoffentlich des Schreibens mächtig, nicht wahr?", frage ich. "Dann lassen Sie mich geschwind ein paar Zeilen diktieren. Auf dem Weg nach Quatre Bras passieren wir ja bestimmt ein Telegrafenamt."
Subversiv mit den Augen rollend zieht der Oberfeld einen eselohrigen Notizblock und einen stumpfen Bleistift aus der Innentasche seines Husarenrocks.
"An den DFB, Frankfurt", diktiere ich. "Sehr geehrter Herr Präsident. Stop. Es war uns eine große Ehre, den vorzüglichen Verein Eintracht Braunschweig zu Besuch zu haben. Stop. Zwölf charakterlich erstklassige Sportskameraden auf dem Felde. Stop. Zudem drei charakterlich vorbildliche Ehrengäste auf der Tribüne. Stop. Bitte auch in den nächsten Jahren die Braunschweiger Eintracht zum Rappan-Pokal melden. Stop. MfG K Beeringen FC, i.A. Fräulein Ingrid, in Klammern Diplom-Übersetzerin. Haben Sie das?"
"... Diplom-Übersetzerin, Klammer zu", wiederholt der Oberfeld. "Jawoll, ich glaub das meiste hab ich, Herr Oberstleutnant."
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veröffentlicht von Uli Sudmann am 30.11.2025